Rechtliche Aspekte der Wunschsectio

Das Verlangen nach Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit der Patienten ist gestiegen. Dies betrifft auch den Bereich Geburtshilfe und die Wahl der Entbindungsmethode. Immer öfter wünschen sich Frauen per Kaiserschnitt zu entbinden. Verletzt der Arzt seine allgemeine Berufspflicht, wenn er eine Sectio trotz fehlender medizinischer Indikation vornimmt?

Beinahe jedes dritte Kind in Deutschland erblickt mittlerweile per Kaiserschnitt das Licht der Welt. Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen entscheiden sich Ärzte immer häufiger für diese Geburtsmethode. Zum anderen bestehen aber auch immer mehr Frauen darauf per Sectio entbunden zu werden.

Medizinische Indikation sehr großzügig gestellt

Eine Studie der Gmünder Ersatzkasse aus dem Jahr 2005 kommt zwar zu dem Schluss, dass es sich nur in zwei Prozent der untersuchten Kaiserschnittgeburten um elektive Sectiones handelt. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch deutlich höher liegen. Um die Kostenerstattung durch die Krankenkassen zu gewährleisten, werden mit Sicherheit die allermeisten Kaiserschnitte ohne medizinische Indikation von den behandelnden Gynäkologen als medizinisch notwendige Eingriffe deklariert.

Befürworter des Wunschkaiserschnitts sehen in ihm eine gleichwertige Behandlungsalternative zur vaginalen Geburt und verweisen auf das Selbstbestimmungsrecht der Frau, wie beispielsweise der bekannte Wiener Gynäkologe Dr. Wolfgang Grin. Doch wie steht es um die rechtliche Lage, wenn es nach einer elektiven Sectio zu Komplikationen kommt?

Grundsätzlich bedeutet die Tatsache, dass es sich hier nicht um einen Heileingriff handelt, nicht, dass die Durchführung unzulässig ist. Dazu gibt es eine Entscheidung des BGH aus dem Jahr 1978. Hier heißt es: „Nicht jede ärztliche Maßnahme geschieht zu Heilzwecken. Der Arzt führt vielmehr in grundsätzlich zulässiger Weise auch Behandlungen durch, die wie Sterilisationen oder kosmetische Operationen, anderen Zielen dienen können“. Hiermit wird klar zum Ausdruck gebracht, dass die Indikationslosigkeit einer Sectio deren Anwendung prinzipiell nicht entgegensteht.

Straf-, zivil- oder berufsrechtliche Konsequenzen?

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Eine junge, gesunde Frau stellt sich in der 35. Schwangerschaftswoche in Ihrer Klinik vor und wünscht explizit per Kaiserschnitt zu entbinden. Nach der Untersuchung entscheiden Sie, dass eine Sectio medizinisch nicht indiziert ist. Die Schwangere besteht trotzdem darauf. Wie gehen Sie hier korrekt vor? Riskieren der Geburtshelfer und der Anästhesist nach einem Kaiserschnitt, wegen fehlender Indikation, straf-, zivil- oder berufsrechtliche Konsequenzen?

„Es besteht kein grundsätzliches Verbot einer elektiven Sectio“, so Rechtsanwalt Rolf-Werner Bock, Berlin. „Bestimmte Voraussetzungen müssen hierbei aber unbedingt vorliegen. Dazu zählen unter anderem medizinische Untersuchungen, die das Operationsrisiko einschätzen“, so Bock weiter.

Frühestens ab abgeschlossener 37. Schwangerschaftswoche

Obwohl eine Wunschsectio einen Eingriff in die körperliche Integrität der Patientin darstellt, ist dieses Vorgehen unter bestimmten Voraussetzungen trotzdem rechtmäßig. Das heißt, die Schwangere muss ordnungsgemäß und zeitgerecht über die Bedeutung und die Tragweite des Eingriffs, mögliche Risiken und Komplikationen aufgeklärt werden. Die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) geben vor, dass ein Wunschkaiserschnitt frühestens ab der abgeschlossenen 37. Schwangerschaftswoche möglich ist. Nicht zu klärende Unsicherheit in diesem Punkt bedeutet Kontraindikation. Laut DGGG müssen ferner anamnestische Faktoren, die das Operationsrisiko erhöhen abgeklärt und ausgeschlossen sein. Dazu zählen beispielsweise eine Adipositas mit einem BMI > 30, Medikamenten- und Drogengebrauch, Allergien, Gerinnungsstörungen, Zustand nach Thrombose/Embolie in Eigen- und Familienanamnese und nach Voroperation.

Klar formulieren, dass keine Indikation für eine Sectio vorliegt

Die Einwilligung der Schwangeren setzt voraus, dass sie einwilligungsfähig ist und ihre Entscheidung aus freien Stücken trifft. „Das Minus auf der Seite der Indikation muss durch ein Plus an Aufklärung ausgeglichen werden“, unterstreicht der Rechtsanwalt Professor Dr. Dr. Klaus Ulsenheimer, München. Das impliziert, dass die Frau in für sie verständlichen Worten ausführlich über eine natürliche Geburt und die vorhandenen Alternativen informiert wurde. Ferner sollte der behandelnde Arzt vergleichend auf Risiken und Vorteile des Kaiserschnitts einerseits und der vaginalen Entbindung andererseits deutlich hinweisen. Der behandelnde Arzt muss dabei ganz klar formulieren, dass keine Indikation für einen Kaiserschnitt vorliegt. Ganz wichtig: Die Aufklärung muss alle – auch die sehr selten auftretenden – möglichen Komplikationen einer Sectio ansprechen. Dazu zählen sowohl die Sterblichkeitsrate während des Eingriffs als auch postoperative Folgen. Dieses Gespräch erfolgt möglichst frühzeitig vor dem errechneten Geburtstermin. Vergessen darf der Geburtshelfer auch nicht, die Frau darauf hinzuweisen, dass sie die Kosten des Wunschkaiserschnitts selbst zu tragen hat, weil es sich um eine nicht notwendige medizinische Maßnahme handelt.

Gespräch schriftlich dokumentieren

Eine schriftliche Dokumentation des Aufklärungsgesprächs gehört unbedingt dazu. Sie unterstützt den Arzt in seiner Beweislast bei späteren Komplikationen. Die gesamte Aufklärung sollte zur Sicherheit aller schriftlich niedergelegt und von der Patientin, der auf Wunsch ein Doppel auszuhändigen ist, unterschrieben werden. Die Frau muss zudem wissen, dass sie ihre Einwilligung zu einem Kaiserschnitt jederzeit widerrufen und sich doch noch vaginal entbinden lassen kann.

Festgehalten werden muss jedoch auch: Es steht jedem Arzt frei, seine Mitwirkung an einem Kaiserschnitt abzulehnen, wenn er den Eingriff für nicht verantwortbar hält. Ein medizinisch nicht indizierter Kaiserschnitt gehört nicht zu den in § 1 der Berufsordnung für Ärzte genannten ärztlichen Aufgaben.

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